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Der spätmoderne Sisyphus: Vom Fortschritt zur ziellosen Fluchtbewegung auf "rutschenden Abhängen"

(Ein bisschen mehr als eine) Buchrezension: Hartmut Rosa: Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer Kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Suhrkamp 2013, 4. Auflage 2014

Beschleunigung und Entfremdung

Wieso erleben wir zunehmend (und in vielerlei Hinsicht) dass die Zeit „knapp“ wird? Wie lässt sich erklären, dass beinahe jede/r darüber klagt, dass die Zeit „davon läuft“, obwohl doch gleichzeitig technologische Innovationen immer eindrucksvollere Beschleunigungsraten aufweisen und sich mittlerweile schon beinahe alles schneller erledigen lässt?

Wieso checken so viele – obwohl sie das auf Nachfrage „eigentlich“ nicht wollen - selbst in der sog. „Freizeit“ die neuesten Nachrichten auf ihrem Smartphone, bearbeiten einige Mails während sie im Restaurant auf jemanden warten, und posten ihre aktuelle Situation auf Facebook? Wie kann es sein, dass immer mehr Menschen „vergessen“, was sie „eigentlich“ tun und wer sie „eigentlich“ sein woll(t)en, weil sie – einer seltsamen „Diktatur der Deadlines“ folgend – nur mehr verzweifelt versuchen ihre „To-Do-Listen“ abzuarbeiten und das dann noch in der unangenehmen Gewissheit es ohnehin nie zu schaffen?

Wodurch ergibt sich dieses ständige Schuldgefühl, weil man dieses oder jenes dann doch nicht geschafft hat und deshalb ständig befürchtet irgendwie „zurückzufallen“? Wieso hört man in Gesprächen beinahe schon durchgängig, dass sämtliche Tätigkeiten, die jemand sich vorgenommen hat, ein (scheinbar zwingendes) „Muss“ bedeuten? Man „müsse“ noch diese oder jene Anschaffung erledigen, dann „müsse“ man noch ins Fitnessstudio, ja und schließlich muss noch die Reise organisiert werden, weil man doch auf die eigene „wirklich effektive“ Entspannung achten „müsse“?

Gerade in den letzten Monaten (rund um die Ferienzeit) fanden sich einige Beiträge in Tageszeitungen, die darauf aufmerksam machten, wie schwer es vielen fällt im Urlaub ihrer „eigentlichen“ Sehnsucht nach Muße dann tatsächlich nachzugehen. Beim letzten Weltwirtschaftsforum in Davos, so wird berichtet, waren alle Achtsamkeitskurse ausgebucht.

Der an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena tätige Professor für „Allgemeine und Theoretische Soziologie“, Hartmut Rosa, diagnostiziert in Reaktion auf solche und ähnliche Fragestellungen und Beobachtungen eine zunehmende „soziale Beschleunigung“, die einer Entfremdung in vielerlei Hinsicht Vorschub leistet. Seine entstandenen Thesen und Theorieansätze gibt es mittlerweile sehr fundiert in verschiedenen Büchern zu lesen. Nun liegt ein weiteres Buch vor, das die wesentlichen Thesen knapp zusammenfasst und durch den mehr essayistischen als wissenschaftlichen Stil die Lektüre erleichtert, einen hervorragenden und relativ leicht verständlichen Einstieg in die doch reichlich komplexe Thematik bietet und über weite Strecken sogar ein echtes „Lesevergnügen“ bereiten kann.

Hartmut Rosa Beschleunigung und EntfremdungIn diesem ca. 150 Seiten umfassenden Buch wird eine Analyse sozialphilosophischer, soziologischer, ökonomischer und nicht zuletzt auch psychologischer Zusammenhänge vorgelegt, die klarstellt, dass eine aktuelle Gesellschaftstheorie der Moderne der Beschleunigungsdynamik hohe Aufmerksamkeit schenken sollte: "Unser Verständnis der Moderne und des Prozesses der Modernisierung bleibt so lange vollkommen inadäquat, wie wir die Veränderungen in den Zeitstrukturen nicht berücksichtigen. Darüber hinaus werden wir nicht verstehen, worum es in der Moderne eigentlich geht, wenn wir die Beschleunigungsdynamik übersehen, die im Herzen der modernen Gesellschaft selbst angesiedelt ist." (S.59)

Die Analysen der Moderne stehen am Beginn einer ehrgeizigen Idee – und zwar – eine "Kritische Theorie der sozialen Beschleunigung" zu skizzieren, die (durchaus in der Tradition der Frankfurter Philosophen ) als zentrales Ziel die Identifizierbarkeit „sozialer Pathologien“ verfolgt. Allerdings – und das ist sicher eine Charakteristikum "Kritischer Theorie" – nicht nur in deskriptiver Hinsicht, sondern auch angetrieben von normativen Überlegungen, deren Ausgangspunkt das reale menschliche Leiden ist. Der vorgetragene Lösungsansatz mündet in den (noch sehr vage) skizzierten Entwurf einer "resonanten Weltbeziehung" (dazu später).

Schon in diesen programmatisch formulierten Anliegen wird deutlich, dass Rosa (als Charakteristikum der „Spätmoderne“) eine Art „Beschleunigungstotalitarismus“ erkennt, der subtil in alle Lebensbereiche eindringt, unhinterfragt bleibt und u.a. dazu führt, dass man die „Schuld“ bei sich selbst sucht, wenn man nicht mehr mithalten kann oder dem omnipräsenten Druck nicht mehr standhält (Stichwort: „Burnout“).

Der Begriff „totalitär“ bezieht sich dabei auf ein abstraktes Prinzip, das uns alle unter seinen Herrschaftseinfluss zwingt. Die Frage, wann eine „Gewalt“ als totalitär zu bezeichnen ist, beantwortet sich in Hinsicht auf vier Bestimmungsmerkmale (siehe dazu S.89):

  1. Es wird Druck auf Willen und Handlungen der Subjekte ausgeübt.
  2. Es ist schier unmöglich dieser Gewalt auszuweichen, wodurch tatsächlich alle Subjekte betroffen sind.
  3. Alle Lebensbereiche werden durchdrungen, d.h. es gibt keine Beschränkung auf die eine oder andere Gesellschaftssphäre.
  4. Es ist schwierig bis unmöglich sie zu kritisieren oder gar zu bekämpfen.

Die vielleicht bedeutsamste These besagt dabei, dass dieses "Beschleunigungsregime" der Moderne "[...]meist hinter dem Rücken der Akteure, das menschliche Weltverhältnis als solches (verändert), also unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen und zur Gesellschaft (zur sozialen Welt), zu Raum und Zeit sowie zur Natur und zur Welt unbelebter Objekte (zur objektiven Welt) und schließlich zu den Formen menschlicher Subjektivität (zur subjektiven Welt) und unserem "In-der-Welt-Sein" als solchem.“ (S.60) Damit ist ein Aspekt angesprochen, der die beobachtbaren sozialen Pathologien treffend zu diagnostizieren vermag und einen Begriff in Erinnerung ruft, der in aktuellen Diskussionen bedauerlicherweise zunehmend zu fehlen scheint: die „Entfremdung“.

Was aber sind die zentralen Aspekte dieser Diagnose? Was beschleunigt sich eigentlich?

Hartmut Rosa kennzeichnet in diesem Zusammenhang drei Beschleunigungskategorien:

1. Die technische Beschleunigung

In diesem Bereich steht eine intentionale Steigerung der Geschwindigkeit im Vordergrund. Beinahe jede technologische Neuentwicklung wird – zumeist sogar vorrangig – daran bemessen, ob sie denn eine Steigerung der Geschwindigkeit erwarten lässt. Man denke dabei an Transport-, Kommunikations- und Produktionsprozesse, oder auch an Organisations- und Verwaltungsprozesse. Ich würde gerne noch hinzufügen, dass ein solches Beschleunigungserfordernis auch bei den Reproduktionsprozessen erhoben wird – auch wenn das in manchen Bereichen äußerst fragwürdig erscheint (siehe Erholung, Entspannung, Heilung und/oder Rehabilitation,...).

2. Die Beschleunigung des sozialen Wandels

Auch der soziale Wandel beschleunigt sich unübersehbar und andauernd. Festmachen kann man das in verschiedenen Aspekten: Einstellungen und Werte, Moden und Lebensstile, Gruppen und Milieus, soziale Sprachen (was z.B. die aktuellen Verständigungsprobleme zwischen den Generationen erklären kann), Praxisformen und Gewohnheiten, ...

Insbesondere die Beschleunigung des sozialen Wandels führt zu einem Begriff, der sich bei Rosa häufig finden lässt: die „Gegenwartsschrumpfung“. Ein Phänomen, das auch als ein möglicher Maßstab vorgestellt wird, wie man Veränderungsraten empirisch messen könnte. Dieser Begriff, der ursprünglich auf den Philosophen Herrmann Lübbe (1998) zurückgeht, wird wie folgt definiert: Die Vergangenheit ist all das, was nicht mehr gilt, während die Zukunft dasjenige umfasst, was noch nicht gilt. Die Gegenwart lässt sich dann definieren als ein Zeitraum, für welchen „Erfahrungsraum und Erwartungshorizont zusammenfallen“ (S.23). Rosa formuliert dazu: „Nur innerhalb dieser Zeiträume relativer Stabilität können wir uns auf gemachte Erfahrungen beziehen, um uns in unserem Handeln zu orientieren und aus der Vergangenheit Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Nur innerhalb dieser Zeiträume finden wir eine relative Orientierungs-, Bewertungs- und Erwartungssicherheit.“

Davon ausgehend wird dann „soziale Beschleunigung“ definiert „[...] als die Steigerung der Verfallsraten der Verlässlichkeit von Erfahrungen und Erwartungen und als die Verkürzung der als Gegenwart zu bestimmenden Zeiträume". (S.23f)

Damit wendet Hartmut Rosa den so gefundenen Maßstab (Stabilität und Wandel) auf soziale und kulturelle „Institutionen“ (als soziologischer Begriff verstanden) und Praktiken aller Art an: "Die Gegenwart schrumpft in den Dimensionen der Politik und des Beruflichen, der Technik und des Ästhetischen, des Normativen und der Wissenschaft oder des Kognitiven, also sowohl in kulturellen als auch strukturellen Hinsichten." (S. 24)

Als praktischen Test führt der Autor dann die Verfallsraten des eigenen praktischen Alltagswissens vor Augen: „Für welche Zeiträume können wir für solche Informationen wie Adressen und Telefonnummern von Freunden, die Öffnungszeiten von Geschäften und Ämtern, die Tarife von Versicherungen und Telekommunikationsunternehmen, die Popularität von TV-Stars, Parteien und Politikern und die Jobs und Beziehungen von Menschen Stabilität unterstellen?“ (S.24)

Nach einigen solchen Beispielen, die die erhobene These mit Belegen aus dem Alltag eindrucksvoll stützt, wird schließlich resümiert und der theoretische Nutzen der solcherart verstandenen „Gegenwartsschrumpfung“ festgestellt: "In diesem Sinne können wir unser Argument etwas allgemeiner formulieren und behaupten, dass die Stabilität sozialer Institutionen und Praktiken uns als Maßstab der Beschleunigung (oder Entschleunigung) sozialen Wandels dienen kann." (S.26)

3. Die Beschleunigung des (sozialen) Lebenstempos

Die Beschleunigung des Tempos des (sozialen) Lebens lässt sich definieren als "Steigerung der Zahl an Handlungs- oder Erlebensepisoden pro Zeiteinheit" und ist als solches - so wird nachfolgend ausgeführt "[...] die Folge eines Wunsches oder gefühlten Bedürfnisses, mehr in weniger Zeit zu tun." (S.27) Anders ausgedrückt: Handlungen und Erfahrungen werden „komprimiert“ – es wird also in einer gegebenen Zeitperiode mehr getan und mehr erfahren.

Tatsächlich zeigt die aktuelle Zeitverwendungsforschung , dass wir (statistisch betrachtet) schneller essen („fast food“), weniger schlafen („power napping“), schneller Beziehungen aufbauen („speed dating“) oder weniger Zeit mit Familie oder mit Spaziergängen verbringen als unsere Vorfahren. Auch weil (wie nachgewiesen) weniger Pausen gemacht werden und so weniger „Leerzeiten“ entstehen, wird in den gegebenen Zeiteinheiten wesentlich mehr unternommen. Zu beachten ist dabei auch die mittlerweile entstandene Alltagsidee des „Multitaskings“, die sich vermutlich auch deshalb ergeben hat, weil das Projekt des Wachstums durch Beschleunigung an seine Grenzen gekommen ist. Da bietet sich als eine nächste Möglichkeit dem so entstehenden „homo simultans“ eben die „Vergleichzeitigung“ an. Auch in dieser Weise lässt sich, dem allumfassend wirksam gewordenen Diktat der Ökonomie folgend, der Versuch der „Zeitgewinnung“ unternehmen.

Paradox scheint dabei, dass dieser Versuch seltsam erfolglos bleibt. Obwohl sowohl die entstandenen Organisationsformen als auch (und vor allem) die technologische Entwicklung doch eine enorme Vielfalt an Prozessen (Transport, Kommunikation, Produktion,...) in beeindruckender Weise beschleunigen, also beinahe alles schneller erledigt werden kann, wächst doch die erlebte Zeitknappheit an. Wie kann es sein, dass nicht mehr Zeit „gewonnen“ wurde, trotz dieser beeindruckenden Steigerungsraten?

Die Antwort von Hartmut Rosa ist verblüffend einfach und von weitreichender Bedeutung, will man die erlebte Unentrinnbarkeit des Beschleunigungsdiktats in der Spätmoderne verstehen: Die Wachstumsraten sind ganz einfach entscheidend höher als die Beschleunigungsraten. Damit wird klar, dass nur unter der Voraussetzung, dass die Quantität der Aufgaben konstant bliebe, tatsächlich ein Zeitgewinn zu erzielen wäre.

Dass dem leider nicht so ist, dafür finden sich zahlreiche Belegbeispiele, die vermutlich jede/r (leidvoll) aus eigener Erfahrung kennen wird. Das vermutlich am besten nachvollziehbare Beispiel sei hier wörtlich zitiert:

„Nehmen wir an, dass das Schreiben einer Email etwa doppelt so schnell geht, wie das Schreiben eines konventionellen Briefs. Nehmen wir weiter an, dass Sie 1990 durchschnittlich zehn Briefe pro Arbeitstag geschrieben und erhalten haben, für die Sie insgesamt zwei Arbeitsstunden benötigten. Mit der Einführung der neuen Technologie würden Sie nur noch eine Stunde für Ihre tägliche Korrespondenz benötigen, wenn die Zahl der gesendeten und erhaltenen Nachrichten konstant bliebe. Dann hätten Sie eine Stunde an ‚freier Zeit’ gewonnen, die Sie für etwas anderes verwenden können. Ist das Ihre Situation?“ (S.31)

Wie lässt sich differenziert erklären, dass die letzte Frage wohl durchgängig verneint wird? Um diese – so entscheidende – Frage zu beantworten, wie es denn zustande kann, dass trotz Beschleunigung die Zeit immer knapper scheint, wird ein ganzes Buchkapitel der Identifizierung der entscheidenden „Motoren“ der sozialen Beschleunigung gewidmet.

Wie konnte sich der Beschleunigungsfuror entwickeln, wodurch wird er angetrieben?

Die zentrale These zur Beantwortung dieser Frage lautet: „Die moderne Gesellschaft wird durch eine beinahe schicksalhafte Verbindung von Wachstum und Geschwindigkeit bestimmt.“ (S.34)

Dazu identifiziert Rosa drei "Motoren der sozialen Beschleunigung".

1. Der soziale Motor: Wettbewerb

In den dazu verfassten Kapiteln wird im wesentlichen die These entfaltet, dass „[...] soziale Beschleunigung im allgemeinen und technische Beschleunigung im besonderen [...] eine logische Folge aus einem wettbewerbsorientierten kapitalistischen Marktsystem (sind)." (S.35) Der daraus entstehende „Motor“ für soziale Beschleunigung ist dabei sicher der wesentlichste Antreiber. Ist doch der kapitalistisch verfassten Weltgesellschaft die Idee von Benjamin Franklin, dass „Zeit gleich Geld ist“ gewissermaßen in die „DNA“ eingeschrieben. Arbeitszeit ist ohne Zweifel ein bedeutender Produktionsfaktor, folgelogisch muss damit Zeitersparnis auch Geldersparnis bedeuten. Zu beachten sind dabei nicht nur die Kosten für die Arbeitszeit der Beschäftigten sondern selbstverständlich auch die Kredit- und Zinsdynamiken usw. Der sogenannte „Wettbewerbsvorteil“ gegenüber der Konkurrenz (die bekanntlich nie schläft(!)) will und muss erhalten werden und das funktioniert nur, wenn man „schneller“ ist.

Als Problem wird dabei konstatiert: "In modernen Gesellschaften hat das Wettbewerbsprinzp [...] eine Reichweite entwickelt, die weit über die (wachstumsorientierte) Sphäre der Wirtschaft hinausgeht."(S.35f)

Es zeigt sich alltäglich und vielfältig, dass das grundlegende und bestimmende Prinzip der Moderne in Abgrenzung zu vormodernen Gesellschaften, in denen die Allokation von Ressourcen, Gütern, Wohlstand, Privilegien, Positionen durch Zugehörigkeit zu bestimmten Gesellschaftsschichten vorbestimmt war, darin besteht, dass der einzelne Akteur sich nunmehr um die eigene „Wettbewerbsfähigkeit“ – mehr oder weniger erfolgreich – selbst kümmern kann (muss). Welche "Position" ein Individuum gesellschaftlich einnimmt, wird demnach nicht mehr durch Geburt bestimmt und ist nicht das ganze (Erwachsenen-)Leben über stabil, sondern Gegenstand permanenter kompetitiver Aushandlung." (S. 37)

Wenngleich der darin zweifelsfrei gegebene (moderne) Fortschritt sozialer Beweglichkeit gegenüber der stratifizierten Ordnung des Mittelalters, die von den Leprakranken über mehrere Stufen bis zu Klerus und schließlich Aristokratie reichte, selbstverständlich nicht in Frage gestellt werden soll, ergibt sich eine leidvolle „Nebenwirkung“ für uns Betroffene, indem es mehr und mehr Energie (und damit Zeit) in die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit zu investieren gilt, bis zu dem Punkt "[...]an dem diese Erhaltung nicht länger ein Mittel zu einem autonomen Leben gemäß selbstbestimmter Ziele ist, sondern zum einzigen übergreifenden Ziel sowohl des gesellschaftlichen als auch des individuellen Lebens wird.“ (S. 38)

Man muss immer schneller laufen, nur um mithalten zu können und auch noch die größtmögliche Geschwindigkeit, die wir schaffen, reicht letztendlich nur so weit, dass wir zumindest nicht zurückfallen. In diesem Zusammenhang bringt Rosa sein so prominent gewordenes Bild von den „rutschenden Abhängen“ (S.43), das „Slippery-Slope-Phänomen“ in der Wettbewerbsgesellschaft. Diese so unangenehm anmutende Metapher soll ein omnipräsent gewordenes Weltverhältnis charakterisieren und drastisch vor Augen führen, dass jedes Stehenbleiben ein „Zurückrutschen“ bedeutet. Man kann sich dann eben tatsächlich keine Pause mehr gönnen und ausruhen, das Rennen darf nie unterbrochen werden, es kann auch die Position kaum stabilisiert werden (beachte die „Gegenwartsschrumpfung“), weil man entweder auf- oder absteigt. (vgl. S.43)

2. Der kulturelle Motor: Die Verheißung der Ewigkeit

Auch dieser Antreiber wird entlang einer zentralen These skizziert: "In der säkularen modernen Gesellschaft stellt die Beschleunigung ein funktionales Äquivalent für die (religiöse) Verheißung eines ewigen Lebens dar." (S.39)

Der Begriff "säkular" wird dabei in diesem Sinne definiert, dass im Zeitalter der Moderne dem Leben VOR dem Tod die zentrale Bedeutung zukommt. Dieser Konzeption zufolge ist das "gute“ Leben das „erfüllte“ Leben, d.h. ein Leben, das reich an Ereignissen und ausgeschöpften Möglichkeiten ist. Die Beschleunigung des Lebenstempos ist für die damit aufgespannte Lebensaufgabe eine Lösung. "Wer doppelt so schnell lebt, wer nur die Hälfte der Zeit benötigt, um eine Handlung auszuführen, ein Ziel zu erreichen oder eine Erfahrung zu machen, kann die ‚Summe’ von Erfahrungen und damit des eigenen Lebens in einer Lebensspanne verdoppeln." (S.40)

Das ergibt zumindest in den privilegierten Weltgegenden, die als „Multioptionsgesellschaften“ bezeichnet werden können, eine enorme Kluft zwischen der Anzahl der Möglichkeiten und begrenzter Zeit, was einen (oft genug als äußerst druckvoll erlebten) Zwang zur „richtigen“ Entscheidung mit sich bringt.

Marianne Gronemeyer, eine unserer besonders geschätzten Autorinnen , hat dazu eine brillante Analyse in ihrem Buch mit dem so treffenden Titel „Das Leben als letzte Gelegenheit“ (1996) verfasst und dort den Terminus „Versäumnisgesellschaft“ geprägt.

Auch Hartmut Rosa weist (schmerzlich) darauf hin, dass die Vorstellung, ein doppelt so schnell gelebtes Leben könnte die Ausschöpfung der Möglichkeit „optimieren", ihr Versprechen leider nicht einlösen kann: Dieselben Techniken, die uns dabei helfen, Zeit zu sparen, führen nämlich (ein weiteres Mal der Wachstumsspirale geschuldet) zu einer Explosion der Weltoptionen, womit die erwähnte Kluft ein weiteres Mal wächst und noch größer erlebt wird. Zunehmend wird es also schier unmöglich, tatsächlich „lebensgesättigt“ zu sterben. Es sei nur nebenbei erwähnt, dass u.a. dieser Umstand erklären kann, wieso gerade die Depression, einer Schätzung der WHO folgend, eine der häufigsten Krankheitsbilder der Zukunft zu werden droht.

Folgt man den Ausführungen von Rosa, dann wird schnell klar: Wir Menschen in der Phase der Spätmoderne sind nicht einfach Opfer einer Beschleunigungsdynamik, - wir fachen sie aus einem ganz ursprünglichen Motiv weiter an: Der Todesangst!

3. Der Beschleunigungszirkel

Eine Kernthese, die dem vorliegenden Buch mehrfach ausgeführt wird, besagt, dass die soziale Beschleunigung in der Spätmoderne zu einem sich selbst antreibenden System geworden ist, das auf externe Antriebsmotoren überhaupt nicht mehr angewiesen scheint. Es handelt sich dabei, in der Sprache der klassischen Kybernetik ausgedrückt, um eine positive Feedbackschleife oder, in den Worten von Gregory Bateson (1985), um eine „symmetrische Schismogenese“. Dieser Teufelskreis ergibt sich trotz der Tatsache – und das sollte nie vergessen werden – dass Wachstum und Beschleunigung weder logisch noch kausal miteinander verbunden sind(!). Nichts „zwingt“ uns dazu noch mehr Nachrichten zu lesen oder noch mehr Mails zu schreiben, auch die vorhandene Technik nicht, die aber selbstverständlich eine (verführerische?) „Ermöglichungsbedingung“ darstellt. Es scheint mir enorm wichtig, sich immer wieder einen zentralen Hinweis von Hartmut Rosa vor Augen zu führen, dass die mittlerweile vorhandene Technologie NICHT die Ursache der hier behandelten sozialen Beschleunigungsdynamik ist. Die technologischen Entwicklungen sind vielmehr eine Antwort auf die erlebte Zeitknappheit (siehe oben), die häufig mit der Einführung neuer Technologien einhergeht. Darin offenbart sich die scheinbar „fatale“ und zirkulär verfasste Dynamik, indem eben jede technische Innovation „[...] beinahe unweigerlich eine ganze Reihe von Veränderungen in sozialen Praktiken, Kommunikationsstrukturen und Lebensformen mit sich (bringt)." (S.42f)

Wie schon erwähnt, haben Individuen (ähnlich wie Unternehmen) in der Wettbewerbsgesellschaft zusätzlich dann noch das Problem der "rutschenden Abhänge". Hartmut Rosa: "Sich eine etwas ausgedehntere Pause zu gönnen bedeutet, altmodisch, nicht mehr aktuell, anachronistisch zu sein, und zwar bezüglich der eigenen Erfahrung und des eigenen Wissens, der Ausrüstung ebenso wie der Kleidung, in den eigenen Orientierung und selbst in der Sprache.“ (S.44) Das lässt sich alltäglich beobachten, führt man sich nur die – beinahe schon verzweifelten – Versuche vor Augen alle eingetroffenen Mails zu bearbeiten. Sobald das (was selten gelingt) einigermaßen erledigt ist und man sich einer anderen Sache zuwendet, fällt man wieder zurück.

Permanent also, das scheint das Schicksal spätmoderner Subjekte in den Industriegesellschaften zu sein, gilt es Schritt zu halten um so den Verlust potentiell wertvoller Anschlussmöglichkeiten zu vermeiden und Wettbewerbschancen zu bewahren. Die genauso unvermeidliche wie unangenehme Schlussfolgerung: Neue Formen der technischen Beschleunigung werden notwendig um die Prozesse der Produktion und des Alltagslebens (Lebenstempo) zu beschleunigen. Genau darin liegt der erwähnte Teufelskreis!

In diesem Zusammenhang ergibt sich als bedeutsame Frage, wieso sich die Beschleunigung, trotz der so offenkundig werdenden Nachteile, doch relativ kritiklos durchsetzen konnte. Hartmut Rosa, der ja auch als einer der aktuell führenden Theoretiker der Moderne gilt, betont dabei, dass der Modernisierungsprozess wettbewerbsorientierter sozialer Beschleunigung und das (ethische) Projekt der Aufklärung – mit den Zielsetzungen "Autonomie" und "Selbstbestimmung" – sich (zumindest im Prinzip) wechselseitig gestützt haben (S.115). Das (unvollendete) „Projekt der Moderne“ (Habermas 1990) selbst also – scheint die Beschleunigung wesentlich befördert zu haben. Um zunehmend autonom und selbstbestimmt leben zu können, braucht es nicht nur zunehmende Naturbeherrschung mittels technischer Errungenschaften um erlebte Einschränkungen größtmöglich aufheben zu können, sondern darüber hinaus Beweglichkeit in jeder Hinsicht. "Nun zeigt sich jedoch, dass die soziale Beschleunigung machtvoller ist als das Projekt der Moderne. Sie schreitet voran, obwohl ihre Logik sich nun gegen das Versprechen der Autonomie gewendet hat." (S.117) Es entfaltet sich eine Dynamik, die an die „Dialektik der Aufklärung“ erinnert, wie sie von Horkheimer und Adorno (1988) so treffend skizziert wurde. Hartmut Rosa, der sich selbst ja explizit in dieser philosophischen Tradition verortet, führt dazu aus: „In der spätmodernen Gestalt stellt die Beschleunigung (zumindest in den westlichen Gesellschaften) nicht mehr die Ressourcen bereit für die Realisierung der Träume, Ziele und Lebenspläne der Individuen sowie für die Gestaltung der Gesellschaft im Einklang mit Ideen der Gerechtigkeit, des Fortschritts, der Nachhaltigkeit etc.; vielmehr verhält es sich genau andersherum: Die Träume, Ziele und Lebenspläne der Individuen werden verwendet, um die Beschleunigungsmaschine am Laufen zu halten.“ (S.118)

Was sind nun die bedeutsamsten psychischen Auswirkungen der permanenten Beschleunigung?

Rasender StillstandWie schon oben angesprochen, erinnert Hartmut Rosa in diesem Zusammenhang an den früher so prominenten Begriff der „Entfremdung“, indem er als eine seiner Kernthesen formuliert: „Soziale Bedingungen, in denen soziale Akteure weiterhin ethischen Vorstellungen der Selbstbestimmung verpflichtet sind, welche von den strukturellen Bedingungen ihres Handelns systematisch unterlaufen werden, führen notwendigerweise zu einem Zustand sozialer Entfremdung.“ (S.120)

"Entfremdung“ wird dabei „zunächst als ein Zustand definiert [...], in welchem Subjekte Ziele verfolgen oder Praktiken ausüben, die ihnen einerseits nicht von anderen Akteuren oder äußeren Faktoren aufgezwungen wurden – sie verfügen durchaus über praktikable alternative Handlungsmöglichkeiten –, welche sie aber andererseits nicht ‚wirklich’ wollen oder unterstützen." (S.120) Auch dafür finden sich zahllose Beispiele, ich selbst etwas könnte neben meinen eigenen persönlichen Erfahrungen, die eindeutig dort hinweisen, auch viele unserer Seminarteilnehmer/innen oder auch Coachees im Rahmen meiner Coachingpraxis zitieren, die nicht selten anmerken, dass sie, obwohl sie das in keiner Weise wirklich „wollen“ und „eigentlich immer sicher waren, dass sie da nie machen würden“, dann eben dennoch bis weit nach Mitternacht (aus eigenem Antrieb?) arbeiten, eine Entscheidung gegen eigene ethische Prinzipien treffen, einen verdienten Mitarbeiter schweren Herzens kündigen, einen Auftrag im vollem Bewusstsein übernehmen, dass die erforderlichen Ressourcen dafür „eigentlich“ nicht wirklich vorhanden sind usw.

Rosa bringt es schmerzlich auf den Punkt, wenn er dazu ausführt: „Wenn ein solcher Zustand andauert, werden wir früher oder später (individuell wie kollektiv) ‚vergessen’, was unsere ‚eigentlichen’ Ziele und Absichten waren – und doch bleibt ein vages Gefühl der Fremdbestimmung ohne Unterdrücker." (S.212)

In den weiteren Versuchen „Entfremdung“ genauer zu definieren, geht der Autor dann über die bekannte Definition von Karl Marx hinaus. Nicht nur eine fünffache Entfremdung (wie bei Marx) bewirke der kapitalistisch verfasste Produktionsprozess, indem die Menschen von ihren Handlungen (ihrer Arbeit), von ihren Produkten (den Dingen), von der Natur, von anderen Menschen (der sozialen Welt) und schließlich von sich selbst entfremdet werden, sondern auch von Raum und Zeit. Diese seine „Neubestimmung von Entfremdung“ veranschaulicht Rosa im Kapitel 14 seines Essays mit zahlreichen Beispielen und widmet jedem der fünf verschiedenen Selbst-Welt-Verhältnissen eigene Ausführungen, die allesamt so treffend sind, dass sich alleine schon dieser Aufzählung wegen eine Anschaffung des Buches lohnt.

Zur „Entfremdung vom Raum“ sei hier nur kurz angeführt, dass sich auch Räume – ähnlich wie im Phänomen der „Gegenwartsschrumpfung“ die Zeit (siehe oben) – dank der Geschwindigkeit von Transport und Kommunikation geradezu „zusammenziehen“. (S.21) Moderne Reisende kämpfen mit Flugplänen, Umsteigezeiten, Staus und Verspätungen, aber nicht mehr mit den Hindernissen des Raums. (S.60) Mit den sinkenden monetären und zeitlichen Kosten des Zurücklegen einer bestimmten Strecke – sowie sinkenden Opportunitätskosten, da wir alle modernen Medien nutzen können, um das alltägliche Geschäft von unterwegs aus zu verzichten – verliert der Raum für die meisten sozialen Handlungen und Interaktionen seine vorrangige Bedeutung. (S.60f)

Als ökonomisch bedeutsame Beispiele werden die zahlreichen Callcenter genannt, die man eben irgendwo eröffnen kann (und damit bevorzugt in Weltgegenden mit billigen Arbeitskräften und niedrigen Sozialstandards). Aber auch soziale Beziehungen lassen sich mittlerweile über große räumliche Distanzen leben. Bleibt einem womöglich der eigene direkte Nachbar völlig fremd, so lebt die intimste Beziehungsperson räumlich weit entfernt, wenn nicht gar auf einem anderen Kontinent.

Ich selbst stelle immer wieder fest, dass seit Inbetriebnahme der sog. „Railjets“ durch die Österreichischen Bundesbahnen sich der Zeitaufwand einer „Reise“ von Wien nach Linz derart verkürzt, dass ich diese Ortsveränderung gar nicht mehr als eine „Reise“ wahrnehme, weil die städtischen Räume „Wien“ und „Linz“ psychisch zu einem einzigen verschmelzen. Soeben in Wien eingestiegen, kurz einige Mails geschrieben und schon steige ich in Linz wieder aus, die äußere Umstände (der Bahnhof) sind ähnlich, die Strecke dazwischen ist tatsächlich „verschwunden“, schon alleine deshalb, weil sie – dem „Multitasking“ sei’s „gedankt“ – keine Aufmerksamkeit mehr erfährt.

Die solcherart tagtäglich sich manifestierende Entfremdung wird zu einem Grundmuster unserer „Erfahrung“ von Welt. Wenn die These stimmt, dass sich dieses Phänomen mittlerweile nicht unwesentlich durch die so omnipräsent gewordenen Beschleunigungszumutungen unserer spätmodernen Lebenswelt ergibt, dann sollte die Frage behandelt werden, in welcher Weise sich „Entschleunigung“ erstens darstellt und zweitens womöglich auch – als ein naheliegender Lösungsansatz – erreichen ließe.

Was ist „soziale Entschleunigung“ und wie entsteht sie?

Die Ausgangsfrage ist dabei: Wenn sich so vieles beschleunigt – gibt es dann nicht auch andere Bereiche die „entschleunigen“? Nach dem das, schon aus dialektischen Überlegungen heraus, zu vermuten ist – gilt es zu zeigen, dass die Kräfte der Beschleunigung gegenüber den Entschleunigungsprozessen überwiegen.

Rosa differenziert dabei fünf Formen der Entschleunigung:

1. Natürliche Geschwindigkeitsgrenzen

Dabei sind insbesondere diejenigen Prozesse zu nennen, die gar nicht oder nur um den Preis ihrer Zerstörung beschleunigt werden können. Als (naheliegende) Beispiele sind physische Prozesse (in Hinsicht auf Wahrnehmung und Verarbeitung) zu nennen, wie auch die Reproduktion der meisten natürlichen Ressourcen. Auch der Genesungsprozess bei Erkältungen und Grippe oder auch der Prozess der Schwangerschaft lassen sich – wenn überhaupt – nur in geringem Maße beschleunigen. Nicht übersehen werden sollte dabei, dass es der Moderne natürlich in zum Teil spektakulärer Weise gelungen ist, eine große Zahl scheinbar unveränderbarer Geschwindigkeitsbegrenzungen zu überwinden , immer noch aber gibt es Prozesse, die diesen Zugriff bislang nicht erlauben.

2. „Entschleunigungsoasen“

Weltweit betrachtet existieren nach wie vor Orte, an denen "die Zeit stehengeblieben ist", seien es vergessene Inseln im Ozean oder aus der Gesellschaft ausgeschlossene Gruppen, religiöse Sekten (wie bspw. die „Amish-People“). Auch spezielle Produkte, die bewusst – und als starkes Alleinstellungsmerkmal vermarktet – "nach alter Art" hergestellt werden, betonen mehr oder weniger glaubhaft, dass sie einen völlig anderen Umgang mit der Zeit pflegen.

3. Entschleunigung als dysfunktionale Nebenfolge sozialer Beschleunigung

Hier sind die nicht seltenen Nebenwirkungen gemeint, die sich als (unbeabsichtigte) Folgen sozialer Beschleunigung ergeben können. Zu nennen ist hier als besonders typisches Beispiel der Stau im Straßenverkehr, der sich ja zumeist gerade dadurch ergibt, dass jede/r Verkehrsteilnehmende möglichst schnell unterwegs sein will. Aber auch wirtschaftliche Rezessionsprozesse fallen in diese Kategorie oder auch pathologische Formen der Verlangsamung wie bspw. die Depressionserkrankung.

4. Strukturelle und kulturelle Erstarrung (als "Rückseite" der sozialen Beschleunigung)

Diese Formen der Entschleunigung wurden bereits genannt, handelt es sich dabei doch um das Phänomen der „rutschenden Abhänge“ oder – wie das einer der prominentesten Vordenker der Entschleunigungsdebatte, Paul Virilio (1989) nannte – das Phänomen des „rasenden Stillstands“. Diese Erstarrung erstreckt sich tatsächlich auch auf die kulturelle Dimension. Zunehmend sieht es so aus, als hätte die spätmoderne Gesellschaft ihre „utopischen Energien“ erschöpft und verfüge über keine neuen Visionen mehr. "Insbesondere die ineinander verschränkten Prinzipien des Wettbewerbs, des Wachstums und der Beschleunigung scheinen ein ‚strukturelles Dreieck’ zu bilden, das derart fest in der Gesellschaftsstruktur verankert ist, dass alle Hoffnungen auf kulturellen oder politischen Wandel als vollkommen aussichtslos erscheinen.“ (S.54) Rosa plädiert deshalb dringlich dafür, dass „[...] eine soziologische Theorie der Beschleunigungsgesellschaft diese Möglichkeit der (extremen) Paralysierung [...] in ihrem kategorialen Gerüst berücksichtigen [muss]." (S. 54)

In diesem Zusammenhang scheint der Hinweis wichtig, dass dieses Phänomen der „Erstarrung“ keineswegs eine "Gegentendenz" zur Beschleunigung darstellt, sondern ein wesentliches Merkmal von ihr ist.

5. Intentionale Entschleunigung

Mit dieser Kategorie werden bewusste Entschleunigungsmaßnahmen erfasst, die sich in zwei Aspekten differenzieren lassen:

a) Funktionale (beschleunigende) Entschleunigung: Darunter fallen die zunehmend populär werdenden Einkehraufenthalte in Klöstern, oder Yoga- und Achtsamkeitskurse von Managern. Aber auch die zahlreichen Tipps aus der Ratgeberliteratur sind hier zu nennen, die allesamt versprechen, dass bei zeitweiliger Entschleunigung, es nachher sehr viel besser gelänge mit der Geschwindigkeit mitzuhalten. Werden ausreichend Pausen „eingeschoben“, dann lässt sich bspw. der absorbierbare Lernstoff pro Zeiteinheit steigern (also schneller und effizienter lernen).

b) Ideologische (oppositionelle) Entschleunigung: Hier nennt Rosa beispielhaft radikal religiöse Gruppen, anarchistische Zellen oder aber auch ultrakonservative, ja selbst "tiefenökologische" Vereinigungen.

Schon bei der Aufzählung der prinzipiellen Möglichkeiten der „Entschleunigung“ wird schnell deutlich, dass sich Lösungen auf keinen Fall schnell und einfach ergeben. Einfach nun Entschleunigung zu forcieren – ein naheliegender Gedanke, der ja auch (siehe Ratgeberliteratur und einschlägige Managementseminare) immer wieder bemüht wird – übersieht weitreichend die „Tiefe“ des Problems. Allzu schnell wird dadurch die grundlegende Struktur nur weiter gestützt: Das Motto „Entschleunige Dich wiederkehrend, dann lässt sich umso besser das Wettrennen wieder aufnehmen“– ist natürlich keine Lösung, ganz im Gegenteil.

Gibt es „Lösungen“?

Folgend einer Idee, die sich im Kontext der „lösungsorientierten Beratung“ erfolgreich etablieren konnte, sollte man – in Hinsicht auf mögliche Lösungen – die „Kehrseite“ des Problems betrachten. Wenn „Entfremdung“ als eine psychische Konsequenz der Beschleunigung das Problem darstellt, was ist dann das Gegenteil und damit das Ziel?

Resonanz

Der Autor schlägt in diesem Zusammenhang den Begriff der „Resonanz“ vor und sei hier noch zweifach (aus anderen Quellen) zitiert um diesen Lösungsansatz anzudeuten: „Das Verhältnis von uns zur Welt ist so beschaffen, dass die Welt als ein Feld von Optionen und Ressourcen erscheint, das wir nutzen müssen. Ich glaube aber, ein gutes Leben ist eines, das in Resonanzverhältnissen steht und beispielsweise in der Natur etwas anderes sieht als eine reine Ressource zum Leben. Nämlich so etwas wie ein antwortendes, atmendes organisches Teil eines Ganzen, von dem auch wir als erfahrende und handelnde Subjekte ein Teil sind. Insofern lässt sich nur durch eine Veränderung der Art und Weise, wie wir uns als Kultur und Menschheit auf die Welt beziehen, die rein ökonomisch-instrumentelle Nutzenorientierung – die dem Kapitalismus zugrunde liegt – überwinden.“ (Rosa 2014a, S.60)

„Resonanzerfahrungen sind Erfahrungen des Berührt- oder Ergriffenseins, welche Identität mitformen. Als solche haben sie eine emotionale Qualität. Sie sind aber nicht einfach Emotionen: Menschen zeigen sich von sehr traurigen Filmen oft tiefer ‚berührt‘ als von anderen, sie geben an, diese hätten ihnen ‚viel gegeben‘, ihnen ‚gefallen‘– und das interpretieren sie trotz ihrer Tränen als positive Erfahrungen. […] Die anthropologische Angewiesenheit auf Resonanzerfahrungen zeigt sich u.a. in der Institution des ‚sozialen Todes‘ bei sogenannten ‚archaischen Kulturen‘, die Mitglieder durch Resonanzverweigerung töten. Vielleicht tut das die spätmoderne Kultur auf anderem Wege auch.“ (Rosa 2014b, S.72)

In diesen zwei Zitaten wird schon deutlich, was die Kernthese von Rosa ist, wenn es um die (entscheidende) Frage geht, welche Lösungen denn nun denkbar wären. Bedauerlicherweise zutreffend, stellt der Autor dabei selbst fest, dass seine Antworten im Moment leider nur ansatzweise verfügbar sind.

Als „das Andere der Entfremdung“ ist „Resonanz“, so Rosa „[...] offensichtlich ein eher existentialistischer und emotionaler als kognitiver Begriff.“ (S.148) Er könnte aber als ein Maßstab für gelingendes Leben und für Steigerung von Lebensqualität dienlich sein. Auch wenn eine genaue Definition zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht vorliegt, so lassen sich doch schon einige Elemente benennen:

  • So ist beispielsweise soziale Anerkennung als Resonanzerfahrung zu erkennen, indem die „soziale Welt“ in relevanter Weise „antwortet“;
  • aber auch Erfahrungen, die über zwischenmenschliche Beziehungen hinausgehen sind dazuzurechnen: Man kann bei Arbeitserlebnissen in Resonanz geraten, in der Natur, in kunstbezogenen oder aber auch in religiösen Erfahrungen;
  • in der politischen Sphäre wiederum ist die Demokratie, nach Rosa das Instrument der Moderne sich die Strukturen der geteilten sozialen Welt „anzueignen“ oder eben „resonant zu machen“. Rosa (2014b) greift in diesem Zusammenhang die zunehmende „Politikverdrossenheit“ auf: „Politik ‚antwortet’ auf Subjekte – theoretisch. Politikverdrossenheit lässt sich reinterpretieren als Ausdruck des ‚Verstummens’ der Politik: Wenn Bürgerinnen und Bürger den Eindruck haben, ihre Kommandobrücken antworten nicht mehr, weil ‚die Politik’ sie nicht ernst nehme, weil sie nicht mehr gestalte oder weil sie selbst als getrieben von den Märkten erscheint, dann verliert Demokratie ihre Resonanz- und Antwortfunktion.“ (Rosa 2014b, S.71)
  • Dass Resonanzerfahrungen als tiefe Erfahrungen (und nicht bloß „Ereignisse“ oder „Erlebnisse“) zu verstehen sind, die als emotionale Berührtheit und womöglich „Ergriffensein“ die eigene Identität mitformen, wurde schon erwähnt.

So ist nicht weniger behauptet, als dass sich die Qualität des „guten Lebens“ – und das genauer zu fassen ist durchgängig die Intention dieses Ansatzes – eben nicht in den „Währungen“ von Ressourcen, Optionen und Glücksmomenten angeben lässt, sondern es vielmehr darauf ankommt, dass wir unseren Blick auf die Beziehungen zur Welt richten, und diese möglichst so gestalten, dass wir zunehmend „reicher“ an vielschichtigen Resonanzerfahrungen werden.

Ich freue mich, dass Hartmut Rosa demnächst sein neues Buch erscheinen lässt: „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Dort sollen, den Ankündigungen zufolge, die hier referierten Ansätze weiter differenziert werden, die großen Krisentendenzen der Gegenwartsgesellschaft – Ökökrise, Demokratiekrise, Psychokrise – resonanztheoretisch analysiert und der Versuch unternommen werden, den Rahmen für eine erneuerte „Kritische Theorie“ mitsamt möglichen Lösungen abzustecken. Wir brauchen solche Ansätze, wenn wir nicht nur das individuelle sondern auch das kollektive Leben gelingen lassen wollen – auch um der Hoffnung willen, die Welt möge ihre Fähigkeit niemals verlieren „für das Subjekt zu singen“ – ich zögere ein wenig hier noch hinzuzufügen, dass wir solche Ideen möglichst schnell benötigen.

Peter Frenzel, www.tao.co.at


Quellen und erwähnte Literatur:

Bateson, G. (1985), Ökologie des Geistes: Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, Frankfurt (Suhrkamp)

Brühl, U. (2015), Die neue Sehnsucht nach Muße. Im Urlaub gar nichts zu tun, tut gut – fällt aber schwer, in Kurier (Tageszeitung), 2.8.2015

Gronemeyer, M. (1996), Das Leben als letzte Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

Habermas, J. (1990), Die Moderne, ein unvollendetes Projekt.: Philosophisch-politische Aufsätze 1977 – 1990, Leipzig (Reclam)

Horkheimer, M. / Adorno, T. (1988), Dialektik der Aufklärung, Frankfurt (Fischer)

Lübbe, H. (1998), „Gegenwartsschrumpfung“, in: Backhaus, K./Bonus, H. (Hg.): Die Beschleunigungsfalle oder der Triumph der Schildkröte, Stuttgart (Pöschel), S.129-164

v. Reijen, W. (1984), Philosophie als Kritik. Einführung in die Kritische Theorie. Königstein (Athenäum)

Rosa, H. (2005), Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt (Suhrkamp)

Rosa, H. (2012), Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung – Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik, Berlin (Suhrkamp) 2012

Rosa, H. (2014a), Weil Kapitalismus sich ändern muss, Wiesbaden (Springer) S. 21-65

Rosa, H. (2014b), Resonanz statt Entfremdung. Zehn Thesen wider die Steigerungslogik der Moderne, in: OEKOM - Konzeptwerk Neue Ökonomie (Hrsg.): Zeitwohlstand - Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben, München (OEKOM-Verlag), S. 62-72

Virilio, P (1989), Rasender Stillstand. Ein Essay, München (Hanser)

Fotos: Fotolia

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