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Prozesse der Machtbildung (2)

Die produktive Überlegenheit von Solidaritätskernen

Während wir im letzten Artikel an Hand des fiktiven Beispiels des Kreuzfahrtschiffs mit den Liegenstühlen an Bord die überlegene Organisationsfähigkeit einer privilegierten Minderheit dargestellt haben, möchten wir die Diskussion über die Prozesse der Machtbilung diesmal mit einem anderen Beispiel von Heinrich Popitz weiterführen:

Stellen Sie sich eine Szene in den letzten Tagen eines Krieges vor. Gefangene werden in ein improvisiertes Lager geschleust - ein einfaches Feld, Stacheldrahtzäune, man gräbt sich irgendwo ein, versucht zu überleben. Die Gefangenen sind aus den verschiedensten Truppenteilen zusammengewürfelt, Bekanntschaften gibt es kaum, Freundschaften gar nicht. Die Kameradschaft reicht gerade aus, dass man sich gegenseitig nicht stört und sich etwas hilft, soweit dies ohne besonderen Aufwand geschehen kann. Im Wesentlichen ist aber jeder auf sich alleine gestellt.

In dieser Szenerie bildet sich eine Gruppe von vier Mann, die - aus welchen Gründen auch immer - eine ganz ungewöhnliche Solidarität entwickeln. Auch diese vier hatten sich vorher nicht gekannt, waren irgendwie in dem Lager zusammengekommen und taten nun alles, was sie hatten, in einen Topf. Der von jedem mitgebrachte Besitz wurde Gemeineigentum, auch die Währung des Lagers, Zigaretten. Wieviel jeder beitragen konnte, wurde nicht nachgerechnet. Das galt auch für die sonstigen Leistungen. Die Aufgaben wurden geteilt und die kleine Gruppe begann, sich sinnvoll zu spezialisieren: der eine war Koch, der andere Klempner, der dritte konnte Fremdsprachen (inklusive der Sprache der Kriegsgewinner) und der vierte verfügte über achtunggebietende Durchschlagskraft. Das alles ergab eine äußerst produktive Koopera¬tion, die bald dazu führte, dass diese Gruppe zur Wohlstandsaristokratie des Lagers aufstieg.

Die wichtigste Leistung war der Bau eines Herdes, auf dem man Wasser und Suppe kochen konnte und mit wenig Brennmaterial auskam. Dies war insbesondere vor dem Hintergrund wichtig, weil im Lager offenes Feuer verboten, brennbares Material an sich knapp war und Nahrungsmittel vorwiegend roh ins Lager geliefert wurden. Die Konstruktion dieses Herdes erforderte lange Zeit, große Geschicklichkeit und einen erheblichen Arbeitsaufwand. Kurze Zeit nach Fertigstellung des Ofens entwickelte sich die Gruppe zum Handelszentrum des Lagers, einschließlich des Ex- und Imports über die Lagergrenzen und zu einer Stätte geistiger Begegnung.

Schrittweise mit dem Aufbau dieser Leistungen bildeten sich Abhängigkeiten anderer Personen heraus, dehnten sich auf eine immer größer werdende Anzahl der Lager¬insassen aus und wurden zunehmend intensiver. Außenstehende leisteten zur Benutzung des Ofens zu Beginn geringe Zahlungen in Form von Naturalien. Mit der Zeit erweiterten sich diese Zahlungen um Dienstleistungen (z.B. Feuerwachen) und mit immer weiter steigender Nachfrage entwickelte es sich zu einer Art „Gnadenakt", an der Nutzung des Ofens mitpartizipieren zu dürfen. Es entstand sukzessive eine bevorrechtigte Klientel und weitere Gruppen staffelten sich in verschiedenen Abständen um das Zentrum der Herdbesitzer herum.

Das Entscheidende war, dass in diesem Lager kein zweiter Herd gebaut wurde. Hier lassen sich zwei Phasen unterscheiden. Zunächst bildete sich am Beginn, nachdem der Solidaritätskern die Kooperation begonnen hatte, keine weitere Gruppe heraus, die eng genug kooperiert hätte, um diese zusätzlichen Leistungen zustande zu bringen, obwohl ausreichend Talente und Fähigkeiten auch von anderen vorhanden gewesen wären.

In einer zweiten Phase hätte der eklatante Erfolg der Gruppe durchaus Anreiz zur Nachahmung geboten. Aber bevor es dazu kam, waren die Einflusschancen der Gruppe so weit gestiegen, dass sie den Bau eines Konkurrenzherdes verhindern konnte, weil einerseits ausreichend Hilfswillige und andererseits ein ausreichendes Repertoire an Repressalien vorhanden war (z.B. Ausschluss von der Nutzung des bestehenden Herdes). Damit wurde jeder unfreundliche Akt im Lager zunehmend riskanter. Und jeglicher Versuch, jetzt mit dem Bau eines Herdes von vorne zu beginnen war zweifellos ein unfreundlicher Akt! Der Herd der Gruppe etablierte sich als Monopol und allmählich gewöhnte sich das ganze Lager an die gegebene Verteilung der Rechte und Pflichten.

Soweit die Geschichte, nun zu den zugrundeliegenden Strukturen und Theorien. Heinrich Popitz entwickelte an diesem Beispiel ein schrittweises Erklärungsmodell, wie durch Kooperation ein Produktivitätsvorteil gewonnen werden kann, der in weiterer Folge zu einer Machtübernahme führen kann:

1.    Die produktive Überlegenheit von Solidaritätskernen:  Die Gruppe der Vier zeichnete sich zunächst nur dadurch aus, dass ihre Bindung sehr eng war und sehr frühzeitig zustande kam. Das Besondere liegt daran, dass in der geschilderten Notlage jedes unangemessene Verhalten lebensgefährlich und jede enge Bindung per se zunächst selten und riskant war. Das Naheliegendste wäre gewesen, den eigenen Kopf zu retten, sich auf das eigene Überleben zu konzentrieren und alle Aktivitäten am eigenen Vorteil zu orientieren. Sich auf jemanden anderen einzulassen, Vertrauen aufzubringen und vor allem die ohnehin knappen Ressourcen zu teilen war also ein außerordentlich riskantes Wagnis, das extrem gefährlich für jeden einzelnen gewesen wäre, wenn es nicht erwidert worden wäre. Es gab in der Situation keinen offensichtlichen Grund zu kooperieren, es muss sich also um einen - wie Popitz es nennt - „Vertrauenssprung" gehandelt haben - das Vertrauen wurde nicht aus¬probiert, sondern vorweggenommen. Die Vier begaben sich - ohne offensichtliche Notwendigkeit - jeweils in die Hände der anderen. Dies war die Basis der in dieser Geschichte beschriebenen Dynamik:

2.    Basis aller Solidarität ist das Helfen und Teilen. Dies führt zu spontanen ersten Formen der Leistungssteigerung: wir springen uns bei, um individuelle Mängel auszugleichen, passen aufeinander auf, helfen uns von Fall zu Fall, teilen bei Bedarf etc.

3.    Die Gruppe vollbrachte im Laufe der Zeit ungewöhnliche Leistungen - dazu brauchte es einerseits eine gewisse individuelle Leistungsbereitschaft jedes einzelnen, andererseits führen die Kooperation und das  koordinierte Kollektiv¬handeln an sich zu einem Synergieeffekt: das gemeinsame „Hau Ruck", das gemeinsame Einsetzen der Kraft für eine gleichzeitig zu vollbringende Tätigkeit hilft, ein schweres Hindernis aus dem Weg zu räumen oder eine große Tat zu begehen.

4.    Verlängerung der Produktivzeiten: Darüber hinaus kann durch Kooperation neben der Konzentration der Kraft durch Summierung gleichartiger Tätigkeiten auch die Einheit der Zeit überwunden werden: man löst sich z.B. bei schweren Arbeiten ab und die Arbeitszeit und die Arbeitspausen werden so eingeteilt, dass jeder einzelne sein Leistungsmaximum zur gemeinsamen Aufgabe beiträgt und die insgesamt aufgebrachte Arbeitszeit an der jeweiligen Aufgabenstellung verlängert werden kann.

5.    Risikoausgleich: Statt der Einheit der Zeit kann auch die Einheit des Ortes aufgegeben werden. So kann die Gruppe z.B. vereinbaren, die gleiche Tätigkeit - wie etwa Holz sammeln - an unterschiedlichen Orten zu erbringen. Dies bietet vor allem die Möglichkeit, mehrere Chancen gleichzeitig zu nutzen (z.B. mehrere Plätze mit potenziellem Vorhandensein von Brennmaterial gleichzeitig zu erkunden) bzw. bei riskanten Vorhaben den Misserfolg des einen durch einen Erfolg des anderen ausgleichen zu können.

6.    Darüber hinaus bietet die Kooperation die Möglichkeit, durch stellvertretendes Handeln Arbeitskraft einzusparen und / oder für andere Zwecke freizusetzen: einer kann für alle Wasser holen, wenn er genug Behälter mitnimmt, damit sich die anderen ausruhen oder einer anderen Tätigkeit widmen können.

7.    Dies führt schon zum wesentlichen Vorteil der Arbeitsteilung. Während es bisher nur eines verhältnismäßig geringen Aufwandes an Koordination bedurfte beginnen die maßgeblichen Effekte der Gruppenorganisation jetzt mit dem Ineinanderfügen verschiedenartiger Tätigkeiten. Der wesentliche Sprung erfolgt durch einen Denk- und Planungsvorgang, in dem die konventionellen Einzelleistungen kognitiv zu einer gemeinsamen Aufgabe zusammengefügt werden, wieder in „künstliche" oder z.T. unübliche Einzelleistungen zerlegt werden und dann diese Tätigkeiten, die als Einzelleistung völlig sinnlos für das Individuum wären, in der Realisierung wieder zusammengefügt werden und als Leistung der Gruppe produktiv einen Sinn machen.

8.    In einem nächsten Schritt kann zu einer dauerhaften Arbeitsteilung übergegangen werden, die im Endeffekt in eine hochgradige Spezialisierung mündet. Dies führt zu einem Übungsgewinn desjenigen, der immer das Gleiche tut und dabei lernt, zunehmend schneller, müheloser und fehlerfreier zu arbeiten.

9.    Ist dieses Niveau der Produktivitätssteigerung durch Spezialisierung erreicht, so bieten sich nun die nächsten Innovationschancen. Die Konzentration auf eine bestimmte abgegrenzte Aufgabe erleichtert es, Freiräume zu schaffen und zu experimentieren, um neue Arbeits- und Produktionsmethoden für die Teilprozesse herauszufinden (z.B. Mechanisierung).

10.    Die zunehmende Übersicht über die Arbeitsprozesse gestattet es, immer wieder neue Gliederungs- und Koordinationschancen zu erproben und so den Gesamtprozess zu optimieren.

11.    Durch diese hier beschriebenen Stufen ist es der Gruppe der Vier gelungen, all das, was die anderen auch tun, viel schneller und besser zu erledigen, sodass Kapazitäten für neue Aufgaben freigesetzt werden. Und genau das war der Punkt, an der es der Gruppe gelungen ist, nicht nur für das eigene Überleben und das der Gruppenmitglieder zu sorgen, sondern darüber hinaus genügend Kapazität für den Bau eines Herdes aufzubringen.

Nun stellt sich die Frage, wie sich durch die zusätzlich geschaffenen Ressourcen eine Machtposition der Gruppe ergab und festigte und wie es die Gruppe geschafft hat, ein Abhängigkeitsgefälle im Lager zu etablieren.

1.    Am Beginn des Prozesses hat die Gruppe (wie oben beschrieben) einen Produktionsvorsprung erreicht. Am Ende hatte sie die Macht zu verhindern, dass dieser Produktionsvorsprung eingeholt werden kann. Besonders interessant ist dabei, dass es nicht von vorneherein um die Berechtigung und Durchsetzung bzw. Verhinderung von Besitzansprüchen ging. Die Gruppe hat vielmehr im laufenden Prozess durch vorerst kleine Impulse verhindert, dass andere ein konkurrenz¬fähiges Produktionsniveau erreichen und hat damit letztlich ein Monopol durchgesetzt.

2.    Dieses Monopol war am Beginn keineswegs von der Mehrheit der Betroffenen erwünscht. Die Entstehung des Monopols war auch durchaus nicht zwangsläufig, aber der Gruppe ist es gelungen, spezifische Chancen so auszuspielen, dass der Prozess wie zwangsläufig erscheint.  Dadurch, dass sie als erste und einzige im Besitz einer Produktionsanlage war, ist es ihr gelungen, einen wirtschaftlichen Vorteil zu nutzen. Die Gruppe hat dann darauf geachtet, das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage aufrecht zu erhalten und in weiterer Folge die Bedingungen für die Benutzung des Herdes zunehmend zu verschärfen.

3.    Durch eine Politik des Teilens ist es ihr gelungen, die Bildung einer Gegen¬koalition zu verhindern. Es wäre ja auf der Hand liegend gewesen, dass sich aus dem restlichen Lager eine Konkurrenzgruppe formiert, die die erforderliche Arbeits¬leistung aufbringen hätte können um einen Konkurrenzherd zu bauen. Gerade der zunehmende Druck, den die ursprüngliche Gruppe ausgeübt hat, hätte eigentlich ein solches Vorgehen begünstigen müssen. Die Gruppe hat sich - zur Aufrechterhaltung der eigenen Position aber auch zur Verhinderung einer Gegenkoalition - einiger Außenstehender bedient. Die Gruppe sicherte sich einerseits die Loyalität dieses Personenkreises, indem sie ihnen besondere Begünstigungen gewährte (z.B. Nutzungsrechte des Herdes), brachte sie aber andererseits auch in eine besonderes Abhängigkeitsverhältnis (wer gibt schon gerne wieder ein Privileg auf?). Dadurch ist es gelungen, eine Spaltung zwischen denen, mit denen geteilt wird und denen, die nicht partizipieren dürfen, auszulösen und diese Gruppen gegeneinander aufzubringen und letztendlich von deren Konkurrenz zu profitieren.

4.    Die Politik des Teilens ist unmittelbar mit dem Prozess der Machtnahme selbst verknüpft, weil die Außenstehenden in ihrer Beziehung zum sich etablierenden Machtzentrum differenziert und abgestuft werden und dadurch eine Teilung in verschiedene Interessenslagen geschafft wird. Diesen Prozess nennt Popitz Staffelung.

5.    Die erste Staffelung ist eine Teilgruppe der „Teilhaber", deren Mitglieder zwar vom Machtzentrum abhängig sind, denen jedoch so etwas wie eine Gewinnbeteiligung zugestanden wird. Insbesondere in den ersten Phasen des Prozesses ist ihre Zugehörigkeit zur Machtgruppe oft ambivalent und gleicht eher „Außenseiter-Mitgliedern". Die Bedeutung dieser Gruppe hängt davon ab, wie viel und welche Funktionen ihr in weiterer Folge überlassen werden. Ein entscheidender Schritt ist getan, wenn diese Gruppe bereit sich, sich im Auftrag des Machtzentrums gegen andere zu wenden. Wenn es gelingt, dass der Sanktionsvollzug gegen Wider¬spenstige an diese Stabsgruppe delegiert wird, ist eine neue Qualität der Macht¬stellung erreicht. Im Falle von Widerspenstigkeiten müssen nicht mehr die Macht¬träger selbst eingreifen, sondern „statt der Faust genügt der Daumen" und dessen Auf- oder Abwärtsbewegung führt zu einer Ausführung von Strafbefehlen. In weiterer Folge steigert eine fortschreitende Delegation des Sanktionsvollzugs die Ökonomie der Machtausübung, sie reduziert den Aufwand, den die Machthaber selbst aufbringen müssen, um ihren Willen durchzusetzen. Schon bevor die vollständige Delegation der Ausführung von Strafbefehlen vollzogen ist, kann diese Gruppe der Teilhaber die Funktion des „Verstärkers" von Meinungen und Ansichten des Machtzentrums oder des „Ableiters" von unliebsamen Maßnahmen und / oder Misserfolgen übernehmen. Sowohl für das Machtzentrum als auch für die jeweils speziell Benachteiligten deckt sie die Unfehlbarkeit der Spitze, indem sie die die Mächtigen stützt und gleichzeitig eine Zurechnung eines allfälligen Misserfolgs auf sich zieht.

6.    Am schwersten dürfte die Schaffung und Erhaltung einer zweiten Schicht gewesen sein, der Staffel der „Neutralen". Mit einer Machtnahme in sozialen Systemen geht einher, dass ein „breites Publikum" von den Vorgängen der Machtergreifung ausgeklammert wird, indem ihm suggeriert wird, dass es mit dem ganzen Vorgang der Machtausdehnung und mit möglicherweise ausbrechenden Konflikten nichts zu tun hat. Diese Neutralität muss möglichst als Friedensprivileg argumentiert und plausibel gemacht werden. Dies erfordert eine besonders kluge Taktik, eine vorsichtige und vertrauenswürdige Dosierung des jeweiligen Machtanspruchs. Die jeweils Neutralen müssen sich als die „Herausgehaltenen" solange geschätzt und möglichst wohl fühlen, bis sie nichts weiter darstellen als den Rest, der darauf wartet, verteilt zu werden. Für den Gesamterfolg ist es entscheidend, dass es gelingt diese Neutralitätsgruppe so lange „draußen zu halten", bis sich die Mächtigen faktisch etabliert haben. Wenn es misslingt, erhebliche Teile der letztliche Betroffenen dazu zu bringen, die Rolle des Zuschauers zu spielen ist eine außergewöhnliche Machtnahme in der Regel nicht möglich. Diese Gruppe hätte ja die Möglichkeit, eine Gegenkoalition zu bilden und in Opposition gegenüber den Machtnehmern zu treten. Dadurch, dass diese - oft eine Mehrheit  bildenden - Neutralen in dieser Phase darauf verzichten, sich zu formieren und sich auf die Position von Zuschauern beschränken sind eigentlich sie die ausschlaggebende indirekte Hilfstruppe der Machtnahme. Je größer das Illusionspotential einer sozialen Einheit in dieser Hinsicht ist, desto größer ist die Chance der Entstehung extremer Machtverhältnisse.

7.    Die dritte Staffel ist die Gruppe der Unterprivilegierten. Sie muss nicht unbedingt zuletzt entstehen, kann aber mit Hilfe der Stabsgruppe geschaffen werden. Sie kann aber auch als erste Gruppe entstehen und den Prozess der Staffelung in Gang bringen und beschleunigen (die Chance, sich von den Unterprivilegierten zu distanzieren schafft Attraktivität für die Zugehörigkeit zu anderen Schichtungen). Die Bildung dieser Gruppe hat den speziellen Vorteil (für alle nicht darunter fallenden), dass sie in der Regel die Zustimmung der Nichtbetroffenen bekommt. Diese bleiben als Nicht-Unterprivilegierte (noch) an der Sonnenseite des Geschehens. Meist ist es nicht einmal notwendig, die Diskriminierungs¬¬impulse explizit zu induzieren bzw. aus den anderen Staffeln herauszulocken. Das Rekrutierungsfeld für diese Gruppe bietet sich überall an: es sind die Neuen, die Fremden, die Andersartigen.

Auch bei dem zitierten Beispiel des Gefangenenlagers wird die bewusste differenzierte Staffelung nicht von vorneherein das Ziel der Solidaritätsgruppe gewesen sein. Aber die einzelnen taktischen Schritte der Machtnahme werden schon alleine deshalb erfolgt sein um den eigenen (relativen) Wohlstand abzusichern und drohende Gegenkonstellationen zu verhindern.
Das Kunststück der Staffelung besteht weniger darin, die geeigneten Leute anzuwerben, die sich als Helfer und Helfershelfer eignen oder die prädestinierten „Null-Personen" zu identifizieren als vielmehr in der Fähigkeit die vorübergehend Nichtbetroffenen dosiert auszusparen. Mit anderen Worten heißt das, die Gruppe zu isolieren, die eigentlich in einer besonders günstigen Lage wäre, über¬legene Mehrheiten zu bilden, wenn sie es schaffen würde, sich als Gruppe zu konstituieren. Die Machtzentren schaffen dies in der Regel durch das Herausstreichen der Vorteile des Status Quo und insbesondere durch das Proklamieren einer Friedenspolitik („... es geht uns allen ja jetzt gut, warum sollen wir etwas verändern?!", „...lasst uns nicht riskieren, was wir jetzt schon erreicht haben!", etc.). Dies hilft, eine Solidarisierung zwischen einzelnen Gruppen zu verhindern.

Das Machtpotenzial der Gruppe begründet sich in dem genannten Beispiel - aber auch in jeder anderen realen Situation - aus der Verfügungsgewalt über knappe und begehrte Güter. Die unterschiedlichen Abhängigkeitsverhältnisse werden durch unterschiedlichen Einsatz dieser Güter erzielt: für die Teilhaber der Stabsgruppe durch die Nutzung der Ressourcen gegen besondere Dienstleistungen, für die Neutralen durch die Sicherung des Friedens und der Handelsbeziehungen gegen Konkurrenzverzicht und bei der untersten Gruppe erfolgt dies durch deren wirtschaftliche Ruinierung und anschließende Ausbeutung der Arbeitskraft.

Peter Weissengruber, www.tao.co.at


Quelle: Heinrich Popitz, „Phänomene der Macht", 2. stark erweiterte Auflage, Tübingen 1992

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