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Prozesse der Machtbildung (1)

Warum privilegierte Minderheiten den Mehrheiten überlegen sind

Sie können sich die Szene vorstellen. Ein Schiff kreuzt im östlichen Mittelmeer von Hafen zu Hafen. Passagiere unterschiedlicher Länder undKulturen gehen an und von Bord, Händler, Touristen, Familienbesucher, Flüchtlinge… Die meisten campieren an Deck. Der einzige Luxus und zugleich die einzigen Requisiten der folgenden Handlung sind einige Liegestühle. Davon gibt es etwa ein Drittel so viele wie Passagiere an Bord sind.

In den ersten Tagen, zwischen drei oder vier Häfen wechseln die Liegestühle ständig ihre Besitzer. Sobald jemand aufsteht, gilt der Liegestuhl als frei. Belegsymbole werden nicht anerkannt.

Diese Übung setzt sich vollkommen durch und erweist sich als zweckmäßig. Die Zahl der Liegestühle reicht für den jeweiligen Bedarf in etwa aus, man findet meist einen, wenn man will. Und notfalls muss man etwas warten. Ein Gebrauchsgut, das in begrenzter Zahl zur Verfügung steht, wurde nicht knapp. Nach der Ausfahrt aus einem Hafen, in dem wie üblich die Passagiere gewechselt hatten, bricht diese Ordnung plötzlich zusammen.

Die Neuankömmlinge hatten die Liegestühle an sich gebracht und erheben einen dauerhaften Besitzanspruch. Die deklarieren also auch einen zeitweilig nicht von ihnen besetzten Liegestuhl als „belegt“. Dies ist durch Belegungssymbole aber nach wie vor nicht durchsetzbar. Aber durch einen gemeinsamen Kraftaufwand aller „Auch-Besitzer“ gelingt das unwahrscheinlich Scheinende: Nähert man sich einem gerade freien Liegestuhl in einer verdächtigen Weise, so beginnen die Auch-Besitzer mit Posen, Gesten und Geschrei eine so eindrucksvolle Abschreckungsaktion, dass diejenigen, die einen Liegestuhl begehren, davon Abstand nehmen um einem drohenden handgreiflichen Konflikt zu entgehen. Und damit war „die Unschuld verloren“.

Im Laufe der Zeit beginnen sich die Besitzenden zu organisieren, schieben ihre Liegestühle näher aneinander, bis sich schließlich eine Konzentration ergibt, die einer wehrhaften Wagenburg gleicht. Die gerade nicht besetzten Liegestühle werden zusammengeklappt und dienen als Ringmauer.

Nach der Durchsetzung exklusiver Verfügungsgewalten einer Teilgruppe über ein allgemein begehrtes Gebrauchsgut bekam das Sammelsurium der Passagiere Struktur. Zwei Klassen hatten sich etabliert, Besitzende und nicht Besitzende, positiv und negativ Privilegierte. Vergleicht man nun diese beiden neuen Teilgruppen mit der Gesamtheit der Passagiere, die an der früheren Ordnung teilhatten, so zeigt sich, dass das eigentlich Originelle der neuen Ordnung die Begründung negativer Privilegien war. Einer Teilgruppe wurde der Zugang zu dem Gebrauchsgut gesperrt. Die privilegierte Teilgruppe dagegen konnte dieses Gut nach wie vor je nach Bedarf nutzen – da heißt ebenso wie vorher alle. Das eigentlich Beneidenswerte ihrer Situation lag einmal darin, dass sie nicht zur anderen Teilgruppe der negativ Privilegierten gehörten. Darüber hinaus war ihre Position bedeuten leichter und effektiver ausbaufähig.

Im nächsten Schritt beginnen die Besitzer die gerade nicht benötigten Liegestühle an einige Nicht-Besitzer zu vermieten. Als Gegenwert kommen neben Naturalien, vor allem Dienstleistungen, in Frage und hier wiederum in erster Linie die Übernahme derjenigen Funktion, die mit jedem Besitzanspruch entsteht: der Funktion des Wächters.

Die Delegation des Wächteramts an einige Nichtbesitzende bringt eine echte Entlastung der Besitzenden und führt in weiterer Folge auch zu einer weiteren Bereicherung des inneren Gefüges, das sich nun dreiteilig entfalten:

In die Gruppen der Besitzenden, der Wächter und der Nur-Besitzlosen.

Das Fatale an der Geschichte: die Nur-Besitzlosen sind von nun an aus freien Stücken und eigenem Verschulden in der schlechtesten Lage. Sie werden es nicht mehr schaffen, sich zu solidarisieren und ihre Ansprüche durchzusetzen. Der Prozess vollzieht sich eindeutig gegen den Willen der Mehrheit, das Resultat ist für die Mehrheit ungünstig. Jeglicher Versuch der Mehrheit, die alten Verhältnisse wieder herzustellen, ist zum Scheitern verurteilt.

Der Soziologe Heinrich Popitz analysiert anhand dieser Geschichte einen typischen Prozess, wie Machtverteilungen sich entwickeln können. Die gemeinsamen Interessen der Privilegierten sind organisationsfähiger als die ungerichteten und unterschiedlichen Interessen die Nicht-Privilegierten. Vielleicht will einer von denen gerade keinen Liegestuhl, oder warum sollte er sich mit einem weitern Nicht-Privilegierten solidarisieren und gemeinsam um einen Liegestuhl argumentieren oder kämpfen. Bei den Privilegierten hingegen kommt sehr schnell das Prinzip der gegenseitigen Hilfe zum Tragen. Jeder Privilegierte hat ein Interesse am Schutz seiner Privilegien, also helfe ich einem anderen Privilegierten in der Erwartung, dass auch der mir hilft, wenn ich Hilfe benötige.

Neben dieser Stellvertretung und dem daraus resultierenden Schutz kommt auch noch ein weiteres  wesentliches Element zum Tragen: das der Bestätigung. Der andere Privilegierte legitimiert alleine durch seine Existenz und durch die Beanspruchung seiner Privilegien meine eigenen Privilegien. Und das führt dazu, dass Einigkeit darüber zu herrschen beginnt, dass die vorgegebene Ordnung gerecht ist.

Wirklich spannend wird der Prozess in der zweiten Phase, wo eine Schichtung von zwei Klassen auf drei Klassen erfolgt. Bis zu diesem Zeitpunkt könnten die Machtverhältnisse noch relativ leicht umgedreht werden. Durch das Prinzip des Teilens und Herrschens bildet sich eine neue Klasse der Teilprivilegierten heraus (der Wächter) die letztendlich die Stabilisatoren des Status Quo sind. Während sich die Privilegierten einig sind, im Recht zu sein und in einer gerechten Ordnung zu leben, haben die Nicht-Privilegierten fast keine Chance auf Durchsetzung ihrer Interessen. Durch Unklarheiten über die weitere Vorgehensweise, wenn sie Erfolg haben sollten, verhindern sie ihre Organisationsfähigkeit.

Mit anderen Worten: Weil wir nicht wissen bzw. uns nicht einigen können, wie wir die Liegestühle nach einem erfolgreichen Aufstand verteilen sollen, ist es nicht möglich mich mit den anderen wirklich zu solidarisieren und gemeinsam etwas zu unternehmen. Viel erfolgversprechender ist es, opportunistisch zu agieren und bei einem Bedarf an einem Liegestuhl im Gegenzug mich als Wächter zur Verfügung zu stellen. Die Einigkeit über die Ungerechtigkeit des Status Quo einigt nicht über einen zukünftigen gerechten Status. Damit beginnen sich die Nicht-Privilegierten, falls sie der Idee anhängen, die Zustände strukturell – d.h. politisch – verändern zu wollen, zu radikalisieren. Sie sehen die Notwendigkeit einer radikalen revolutionären Durchsetzung neuer Ordnungskriterien als einzige Chance auf eine Veränderung der herrschenden Verhältnisse.

Dies heißt mit anderen Worten aber Revolution und Kampf. Damit einher geht die Notwendigkeit einer „Umerziehung“ der vormals Privilegierten, damit diese ihr Unrecht einsehen und eingestehen – und die neue Ordnung nicht sofort wieder zu ihren Gunsten in das alte System zu kippen beginnen. (Solche Beispiele kennen wir auch zur Genüge aus der Geschichte!) So fatal es auch klingen mag: Wer gegen die Privilegien (= Haben) ist, kann nicht mit denen, die haben wollen (denen, die Privilegien haben oder anstreben) frei konkurrieren, weil er seine Ansprüche immer wieder gegen die Besitzansprüche durchsetzen muss, um sie dann wieder freiwillig aufzugeben… und dann wieder neu beanspruchen zu müssen.

Peter Weissengruber, www.tao.co.at


Quelle:i Heinrich Popitz, „Phänomene der Macht“, 2. stark erweiterte Auflage, Tübingen 1992

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